Cover Morgenland

Liebe Leserinnen und Leser,

Deutschland im Sommer 1946: Durch diese Welt im Schatten, die gekennzeichnet ist von vagabundierenden Hoffnungen, Ängsten, Traumata, Schuld und Verwundungen, begleiten wir eine junge Frau auf der Suche nach einem verschollenen jüdischen Wissenschaftler. Wir bangen mit ihr, bangen um sie und hoffen auch auf ihre Erlösung, aber vor allem auf eine Lösung ihres Falles.

Als ein Nachgeborener, der in Deutschland lebt und kaum mehr als zehn Jahre nach den hier beschriebenen Ereignissen geboren ist, und der zudem um seine jüdischen Wurzeln weiß, wollte ich dieses Land im Schatten der Katastrophe von außen beschreiben, wollte mich ihm neu und tastend nähern, mit dem fremden und klugen Blick einer jungen Frau, die auf unentwirrbare Weise von alldem, was sie erfährt, betroffen und wiederum nicht betroffen ist. Denn Lilya ist Anfang der 1920er Jahre als Tochter jüdisch-deutscher Einwanderer in Palästina geboren.

Eingewoben in Lilyas Reise sind Lebensreisen, die für die erste Hälfte dieses rätselhaften und noch immer unabgeschlossenen 20. Jahrhunderts typisch sind. Begleiten Sie nun Lilya zusammen mit mir auf ihrer Reise und Suche, durch Gefährdungen und Wandlungen, auch ihrer selbst.

Signatur Stephan Abarbanell

Stephan Abarbanell


Die Stationen von Lilyas Reise (PDF)

Morgenland

Leseprobe

Sie hob den Kopf und streckte sich. Seit die Festung von Latrun hinter ihnen lag, blickte sie aus dem Fenster. Am Straßenrand kauerten zerschossene Jeeps, daneben stand ein ausgebrannter Lastwagen mit weit geöffneten Türen. An der Böschung entdeckte sie Reifenfetzen und stumpfes Metall, das sie für Geschosshülsen hielt. Die Küste tief unten im Tal war kaum mehr als ein dünner, wie mit Bleistift gezogener Strich. Dahinter erstreckte sich das Meer, das in seiner trügerischen Unendlichkeit so gar nicht zu dem kargen Streifen Land passen wollte, der unter der flimmernden Hitze zu schlafen schien, als läge er im Frieden.

Der Bus kroch zitternd die Straße hinauf, nahm Kurve um Kurve, wie Gewehrschüsse sprangen Steine unter seinem Reifen weg, durch sein Rückfenster war nichts zu sehen als eine Wolke aus Staub und Gestein.

Sie blickte von ihrem Sitz in der letzten Reihe über die Köpfe der Mitreisenden hinweg, sah Hüte, durchgescheuerte Hemdkragen, und in den Gepäcknetzen Koffer mit Aufklebern aus Rotterdam, Marseille, Valparaiso und Hamburg. Es roch nach Kampfer, schal gewordenem Eau de Cologne, Schweiß. Und Angst. Es dämmerte bereits, als der Wagen an einer Senke zwischen Deir Ajub und Bab el-Wad hielt. Der Fahrer schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad, sprang von seinem Sitz und griff nach einem Kanister mit Wasser. Er riss die Haube des Dodge auf und versuchte mit einem Taschentuch den zischenden Kühler zu öffnen. Keiner der Reisenden sprach ein Wort. Nur das Geräusch von fächelnden Zeitungen und das Zirpen der Grillen durchbrachen die Stille. Fliegen hatten den Weg durch die geöffnete Tür gefunden und die Hitze, die sich in diesen Junitagen von der Erde zu lösen schien, als würde sie zu einem eigenständigen, körperlosen Wesen.

Sie blickte den Abhang hinauf und suchte die Felsen ab, das Gestrüpp, die wie Sterbende sich krümmenden Bäume. Schweiß lief ihr an den Schläfen herunter, sie umfasste mit der einen Hand ihre Haare und band sie mit einem ledernen Riemen zusammen. Dann griff sie wieder nach der Mütze, die sie auf den Schoß gelegt hatte. In der Ferne auf dem Kamm entdeckte sie einen Hirten mit seinem Sohn. Ein dürrer Hund mit fehlfarbenem Fell schlich um sie herum. Hirten waren Späher, hatte man ihr in der Ausbildung gesagt. Behalte sie im Blick, sie nutzen sie für ihre Zwecke

Wenige Meter darunter, hinter einer aus Felssteinen aufgeschichteten Mauer, befand sich ein britischer Posten, immerhin. Aber bei einem Angriff wären die Engländer kaum rechtzeitig hier. Der erste Schuss, sie würden ihn dort oben kaum hören; beim zweiten würden sie aufwachen, beim dritten hätte endlich ein verschlafener Sergeant den Feldstecher hervorgefingert. Scharfstellen, Gucken. Warum war der Bus dort unten stehen geblieben? Dann der vierte Schuss, fünf, sechs, sieben. Welcher würde ihr gelten?

Die britischen Soldaten würden mit dem Karabiner im Anschlag ausrücken und den Abhang herunterkommen. Und nur noch die Toten zählen.

»Ein Leck im Kühler oder der Radiator. Egged sollte unsere Busse besser warten. Aber es fehlt ihnen das Geld. Und die Geduld.« Der Mann saß neben ihr und hatte bis eben noch geschlafen. Er mochte ein wenig älter sein als sie, sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig, und musste irgendwann zugestiegen sein.

»Ein paar weniger Waffen in den Händen der falschen Leute wären mir auch recht«, sagte sie und blickte wieder den Abhang hinauf.

»In Händen der Araber«, sagte er. »Und? Hast du da oben etwas entdeckt, Genossin, von dem auch ich wissen sollte?« Nichts war zu sehen. Auch der Hirte war hinter der Kuppe verschwunden.

»Wir bräuchten einen Plan, wie wir aus diesem Gefährt wieder ein bewegliches Ziel machen könnten. Und zwar schnell«, sagte sie.

»Einen Plan. Gute Idee.«
Der Mann lächelte. Er hatte sie »Genossin« genannt.

Sie hatte ihn bislang nicht beachtet. Als der Bus am Carmel-Markt in Tel Aviv gehalten hatte und sie zugestiegen war, hatte sie die unbesetzte Reihe entdeckt und sich ausgebreitet: Rucksack, Mütze, eine Blechflasche mit Wasser, ein Buch aus der Kibbuzbibliothek. Alles war auf einmal so schnell gegangen. Hinter Petach Tikwa waren ihr die Augen zugefallen. Hatte sie geschlafen? Durch die geschlossenen Augen hatte sie Licht gesehen, ein Flackern, wie ferne Leuchtzeichen, bei einem Gangwechsel war ihr Kopf gegen die Scheibe gestoßen.

Buchtrailer mit Stephan Abarbanell


Stimmen zum Buch

»Stephan Abarbanell hat ein mitreißendes Buch geschrieben! Spannend und lebensklug erzählt er von Menschen in Palästina und dem zerstörten Nachkriegsdeutschland auf der Suche nach Wurzeln und Identität. Ich habe Morgenland verschlungen.«
Jan-Philipp Sendker
»Stephan Abarbanell gelingt es, das packende Spannungsniveau einer hochwertigen Geschichte, inklusive Anleihen an klassische Agentenromane, mit einer offenkundig sorgfältig recherchierten Geschichtslektion zu verbinden. Sein Erzählstil zeugt von dem notwendigen Fingerspitzengefühl, um das Geschehen auf sprachlich gutem Niveau unterhaltsam zu gestalten, schnörkellos, ohne ermüdende Floskeln, aber treffsicher im Detail und mit knapp umrissenen, aber prägnanten Figuren, sodass stets die passende Hintergrundatmosphäre für die komplexe Erzählung gegeben ist.«
Tobias Wrany, Buchhandlung Jost GmbH, Bonn
»Morgenland von Stephan Abarbanell spielt in einer anderen Zeit, in einer anderen Welt und doch könnte die Protagonistin die Frau sein, die im Bus neben mir sitzt oder vor mir an der Kasse steht. So normal und gleichzeitig einzigartig und interessant, wenn man die oberste Schicht ankratzt. Getragen wird ihre Geschichte von einer Sprache, die mal einer Feder im Wind, dann der Wüstensonne und bald einem Wasserfall gleicht.«
R. Schottroff, Würzburg
»(...) Stephan Abarbanell hat es mit leisen Tönen geschafft, mich zu berühren. Wir dürfen eine andere Sicht auf das Nachkriegsdeutschland erleben, wie entwurzelte Menschen wieder ein Zuhause suchen, sich wieder im Leben zurechtfinden müssen. (...) Ein tolles Debüt über das Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, über die Suche nach Heimat und nach sich selbst. Lesen!«
Lesermeinung von SteffiKa auf vorablesen.de
»Sie wollen einen simplen Krimi lesen, in welchem ein Serienmörder gejagt wird? Dann Hände weg von diesem Buch. Sie suchen einen intelligenten Krimi, mit recht genau recherchierten historischen Szenen und interessanten Charakteren? Gut, politisch und kritisch geschrieben? Dann kann nur eine Empfehlung übrig bleiben: unbedingt lesen. (...)«
Lesermeinung von simchen auf vorablesen.de

Über Stephan Abarbanell


Stephan Abarbanell

© Thomas Kierok

Stephan Abarbanell, 1957 in Braunschweig geboren, wuchs in Hamburg auf. Er studierte Evangelische Theologie sowie Allgemeine Rhetorik in Hamburg, Tübingen und Berkeley (USA), und nahm am Creative-Writing-Kurs bei Walter Jens teil. Heute ist Abarbanell Kulturchef des rbb. Morgenland ist sein erster Roman.

Der Autor unternahm viele Reisen nach Israel, auch auf den Spuren seiner eigenen Familie, und lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Bettina Abarbanell, in Potsdam-Babelsberg.

Stephan Abarbanell über die Geschichte seiner Familie


Die jüdische Familie Abarbanell – oft Abravanel geschrieben – hat sich in unserer Linie über meinen kaisertreuen deutschen Urgroßvater verchristlicht. Aber das jüdische Bewusstsein oder das Empfinden, irgendwie anders zu sein, hat bei uns, bei meinem Vater und bei mir, immer eine große Rolle gespielt, auch durch die Nöte der Familie im Dritten Reich, von denen mein Vater und Großvater wenig und sehr ungern erzählt haben.

Die Familie Abarbanell ist jüdische Nobility, sie geht auf die große Zeit der Juden in Spanien zurück – Sepharad –, wo unser Urahne Don Isaak Abarbanell eine wichtige Figur war. Gelehrter, bedeutender Bibelausleger und Finanzminister am Hofe. Bis zur Vertreibung der Juden 1492. Simon Wiesenthal hat gar behauptet, Isaak Abarbanell hätte damals ganz wesentlich die Kolumbus-Fahrt mitfinanziert.

Von da aus hat sich die Familie, Rabbis, Gelehrte, Ärzte, über Europa und später die Welt verteilt, unter anderem nach Deutschland. Und auch Berlin, was ja in meinem Buch eine große Rolle spielt. Auf den jüdischen Friedhöfen Berlins findet man ein paar Abarbanells. Heute gibt es allerdings in Deutschland nur unsere kleine Familie.

Nahezu jeder in Israel kennt den Namen dieser Familie. Auch literarisch werden die Abarbanells immer wieder verwendet, so bei Heinrich Heine, Villiers de L'Isle Adam, Robert Menasse und ganz aktuell von Amos Oz in seinem neuen Buch Judas, wo eine der Hauptfiguren Abarbanel heißt. Die Geschichte der Familie hat viele inspiriert, auch Lion Feuchtwanger hat über die Abarbanells geforscht.

Die jungen Leute in Israel lachen häufig, wenn sie den Namen hören, denn die bekannteste psychiatrische Klinik in Israel heißt Abarbanel. Das hat sich sogar umgangssprachlich durchgesetzt, wenn jemand verrückt ist, ist er in Israel barbi.

Der Chefpilot von EL AL hieß in früheren Jahren Abarbanell, und als es 1948 kurz vor der Staatsgründung Israels auch eine Royalistenpartei gab, wollte sie einen Abarbanell auf dem Thron. Ist mir oder wem auch immer erspart geblieben ...

Als junger Mensch war ich in den Siebzigern schon viel in Israel, habe im Kibbuz gearbeitet, das Land bereist und Abarbanells getroffen. Für mich ein ganz besonderes Erlebnis, wo es doch nur uns in Deutschland gab und ich den Namen dort immer buchstabieren und erklären musste.

Mein Verhältnis zu Israel lässt sich bis heute am besten mit den Worten Ralph Giordanos umschreiben: Meine Liebe zu Israel, meine Sorge um Israel, meine Kritik an Israel. Alles drei geht zusammen, oft durcheinander, aber ich versuche die Dinge auseinander zu halten.

Morgenland nimmt Motive der Familie auf, ist aber gänzlich frei erzählt und gewiss weit mehr durch die Familie Scholem in Berlin inspiriert, mit den berühmten Söhnen Gerschom und Werner, der eine Zionist und weltbekannter Judaist, der andere Kommunist, und beide gegen den Vater.

Ach, Gerschom Scholem hat bis zu seinem Tod in Jerusalem in einer sehr schönen Straße im Stadtteil Rehavia gewohnt: in der Abarbanel Straße, Rehov Abravanel.

Interview mit Stephan Abarbanell

Wie ist die Idee zu Ihrem Roman Morgenland entstanden – ist sie über längere Zeit herangereift oder entzündete sie sich an einem bestimmten Moment oder einer bestimmten Erfahrung?

Stephan Abarbanell: Im Grunde war es beides. In der Zeitung fand ich vor einigen Jahren einen Artikel, der mich neugierig gemacht hat: ein kurzer Bericht über die bislang unbekannte Reise von Gerschom Scholem, einem bedeutenden Judentumswissenschaftler, der 1946 von Palästina nach Deutschland gereist ist. Scholem, in Berlin aufgewachsen und bereits in den Zwanzigern nach Palästina ausgewandert, war im Auftrag der Hebräischen Universität auf der Suche nach geraubten Büchern aus jüdischem Besitz in das zerstörte Land gekommen. Er wollte sie finden, retten und nach Palästina bringen. Es war für ihn auch ein Wiedersehen mit seiner Heimat, dem Land seiner Eltern und seines älteren Bruders Werner, der als Kommunist und Jude von den Nazis ermordet worden war. Die Reise war ein Fehlschlag, deprimiert fand sich Scholem nach einigen Monaten in Palästina wieder. Diese Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen und selbst auf eine Reise geschickt.

Der Roman spielt im Jahr 1946, eine Zeit, die historisch weniger beleuchtet ist als das Kriegsende 1945 beziehungsweise die Währungsreform 1948. Stellte dies für Sie eine besondere Herausforderung bei der Recherche dar? Konnten Sie auf Dokumente und Forschungsliteratur zurückgreifen oder haben Sie auch mit Zeitzeugen gesprochen? Wie haben Sie recherchiert?

Stephan Abarbanell: Das Jahr 1946 hat mich gereizt, weil es bislang nicht so sehr im Fokus der Forschung gestanden hat. Es ist auch literarisch wenig »beschrieben«. Dabei markiert es einen Wendepunkt. Die Wunden des Krieges wie der Gewaltherrschaft sind noch tief und überall sichtbar und spürbar. Zugleich deutet sich bereits eine neue Zeit an, einerseits gekennzeichnet durch das, was wir den Kalten Krieg nennen. Die Spaltung der Welt in zwei Einflusszonen. Zugleich bedeutet dieses Jahr für viele Länder außerhalb Europas, etwa das große Indien, einen weiteren Schritt der Emanzipation, der Befreiung aus dem Kolonialismus.

Auch das jüdische Palästina-Projekt kann als ein antikoloniales gelesen werden und selbst der spätere ägyptische Präsident Nasser hat es zunächst so begriffen und es begrüßt. Im Rückblick könnte man 1946 auch den Beginn der Inkubationszeit einer neuen Weltordnung nennen, die erst 1990 wieder durch eine andere abgelöst wurde.

Meine Quellen? Viele, viele Bücher, das unerschöpfliche Web, Tagebücher und persönliche Aufzeichnungen, immer wieder Fotos. Und Filme dieser Zeit wie etwa Eine auswärtige Affäre von Billy Wilder, Die Mörder sind unter uns von Wolfgang Staudte, Carol Reeds Der dritte Mann. Oder spätere, wie der großartige Zyklus Wohin und zurück von Axel Corti, basierend auf der Lebensgeschichte von Georg Stefan Troller.

Dabei hat mich eine Erfahrung eingeholt, die Saul Friedländer in seiner großen Geschichte Das Dritte Reich und die Juden so eindrücklich beschrieben hat: Die Gesellschaft, die wir da sehen und die in den tiefsten Abgrund gestiegen ist, ist unserer in vielem näher, als wir denken. Es gab das Auto, das Flugzeug, das Radio, das Telefon. Aus diesem uns »zivilisatorisch« so Nahen ist das große Projekt der Antizivilisation entstanden.

Dauerte die Recherche länger als das Schreiben des Romans? Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Stephan Abarbanell: In den ersten Jahren fielen Recherche und Schreiben zusammen. Das war, im Rückblick gesehen, keine allzu gute Idee. Heute weiß ich: erst recherchieren, dann all das Gelesene weglegen und schreiben. So frei wie möglich. Und nur, wenn bezüglich der Fakten Unsicherheit aufkommt, wieder nachsehen. Hinzu kommt die Erfahrung, dass von dem scheinbar unendlich viel gelesenen Material tatsächlich nur ein ganz geringer Prozentsatz sichtbar Eingang in den Text findet. Das scheint zunächst frustrierend. Auf der anderen Seite gilt aber auch, und das ist mir weit wichtiger: Nur auf diesem Weg kann das scheinbar Wenige gut, glaubhaft, überzeugend werden. Ich habe in gewisser Weise mit einem ebenso großen wie unsichtbaren historischen Resonanzboden gearbeitet.


Fortsetzung des Interviews

Als Autor hat man vor dem Verfassen eines Romans die Freiheit, sich Ort und Zeit der Handlung sowie die Protagonisten selbst auszusuchen. Was hat Sie ins Jahr 1946 geführt, was interessiert Sie besonders an der unmittelbaren Nachkriegszeit?

Stephan Abarbanell: Ich bin mir nicht sicher, ob wir als Autoren wirklich so frei sind. Vielleicht ist es manchmal auch so, dass das Thema, eine Zeit, sich den Autor sucht und die Frage ist dann nur, mit welchen Mitteln er oder sie sich zu wehren weiß – oder aber dem Ruf und dem Angebot erliegt. Am Ende vielleicht, wenn es gut geht, irgendwann dankbar erliegt.

Für meine Geschichte brauchte ich zum Kriegsende 1945 einen gewissen Abstand, und doch auch wieder eine fühlbare, fast unmittelbare Nähe. Fast alle meine Helden erleben die Welt wie unter Schock, aus dem sie langsam erwachen, sich umblicken, beginnen, neue Orientierung suchen. Sie alle haben auf die eine oder andere Weise ihre Selbstgewissheit, ihren Ort, ihre Unbefangenheit, auch ihr Vertrauen verloren. Wo bin ich, wer bin ich, was ist mit mir geschehen, was soll aus mir werden? Die diesem Erwachen zugrunde liegende Dynamik hat mich interessiert und fasziniert. Natürlich auch angesichts der spezifischen historischen Erfahrung der deutsch-jüdischen Nacht, der davon nicht abkoppelbaren Genese Israels und, ja, der Sorge um dessen Zukunft.

Während der Leser weiß, wie sich die weltpolitische Lage nach 1945 entwickelte, wissen die Protagonisten des Romans nicht, was auf sie zukommen wird. Alles steht auf Anfang, es ist die »Stunde Null«. Einerseits bedeutet diese Situation für die Protagonisten eine radikale Offenheit, andererseits eine große Verlorenheit. Stellte dieses Spannungsfeld eine besondere Herausforderung in der Anlange der Protagonisten dar?

Stephan Abarbanell: Für die Protagonisten ist das ohne Frage eine Herausforderung. Sie haben nur ihre Geschichte und die Gegenwart, und auch diese beiden Dimensionen ihres Lebens erschließen sich ihnen erst im Verlauf der Handlung nach und nach. Da haben es die Leser scheinbar besser, denn sie lesen die Geschichte dieses Buches ex post, also mit dem Wissen von heute über die damalige Zeit. Einerseits. Andererseits ist das Buch so angelegt, dass wir stets nichts anderes und nicht mehr wissen als unsere Protagonistin Lilya Wasserfall. Mit ihr schreiten wir tastend, suchend die neue Welt ab. Das hieß für mich: Zugleich wissend und, mit meiner Heldin solidarisch, nichtwissend zu schreiben. Das war eine große Herausforderung für mich. Aber es erschien mir die glaubhafteste Erzählhaltung zu sein.

Die Protagonistin Lilya Wasserfall wurde in Palästina als Tochter deutsch-jüdischer Einwanderer geboren, engagiert sich im Widerstand gegen die britische Mandatsmacht und wird nun ins Nachkriegsdeutschland geschickt, um nach einem verschollenen jüdischen Wissenschaftler zu suchen. Während ihrer Spurensuche gelingt es ihr, einen schweren Verlust zu überwinden, sie lernt viele unterschiedliche Schicksale kennen, verliebt sich und ist am Ende ihrer Reise ein anderer Mensch als zu Anfang. Was reizte Sie an der Perspektive dieser jungen Frau?

Stephan Abarbanell: In den ersten Fassungen des Textes war Lilya nur eine Nebenfigur. Ein junger Soldat aus Neuseeland, der auf Seiten Englands gekämpft hat, stand im Mittelpunkt der Handlung. Ich will seinen Namen nicht verraten, denn vielleicht brauche ich ihn noch einmal. Ich habe ihn begleitet und er mich. Wir haben uns gut verstanden. Aber immer wenn Lilya auftauchte, ging mir das Schreiben weit leichter von der Hand. Eine Weile habe ich versucht, das zu ignorieren. Warum eine neue Hauptfigur? Ich wollte nicht noch einmal von vorne beginnen. Ich war doch schon so weit! Bis mir irgendwann klar war: Folge Deinem Herzen. Nimm ernst, was Du im Prozess des Schreibens spürst. Es ist mir natürlich sehr schwer gefallen, mich nach gut drei Jahren von dem Geschriebenen zu lösen und meine neue Heldin in den Mittelpunkt zu stellen. Heute weiß ich, dass es richtig war.

Lilya bereist auf ihrer Suche nach dem Wissenschaftler Raphael Lind unterschiedlichste Orte und Städte, von Jerusalem aus fährt sie nach London, dann nach München, nach Föhrenwald, nach Offenbach, nach Berlin, nach Franken, ins Erdinger Moos und schließlich nach Lüneburg. Was ist das Besondere an diesen Orten? Und haben Sie diese Orte selbst auch bereist?

Stephan Abarbanell: Jeder Ort in dem Buch hat seine ganz eigene Geschichte. Oft eine in der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbekannte, wie etwa die des Offenbach Archival Depots, dem großen, von der U.S. Army eingerichteten Haus der geretteten Bücher; oder die des 1945 gegründeten Kibbuz Nili auf dem sogenannten Streicherhof, dem Gut des Stürmer-Herausgebers Julius Streicher, in der Nähe von Nürnberg. Oder des Glyn Huhges Hospitals für die KZ-Überlebenden, unmittelbar neben dem Lager Bergen-Belsen, das in seinem Gemäuer und tief im Wald heute nahezu vergessen vor sich hinschlummert. Für mich gibt es zudem so etwas wie eine Regel: Schreib nicht über das, was Du kennst, sondern über das, was Du nicht kennst, also Dir selber erst erschließen musst. Ich denke und hoffe, dass sich dann von meiner Neugierde auch etwas auf die Leserinnen und Leser überträgt.

Alle Orte in Morgenland habe ich bereist, in vielen Fällen mehrfach. Ich habe Fotos gemacht, Dokumente eingesehen und oft gestaunt, was ich alles nicht wusste.

Die Tatsache, dass sich zum Beispiel Wernher von Braun während des Nationalsozialismus als Wissenschaftler exponierte, ist allgemein bekannt. Ihr Roman thematisiert die Instrumentalisierung jüdischer Wissenschaftler durch die Nationalsozialisten. Gibt es hierzu authentische Beispiele?

Stephan Abarbanell: Ja, etwa die »Gruppe Grumach«, jüdische Wissenschaftler, die in den von den Nazis requirierten Gebäuden der Freimaurer in Berlin, in der Eisenacher und in der Emser Straße, zur Forschung zwangsverpflichtet wurden. Durch das Reichssicherheitshauptamt. Alfred Rosenberg und andere wollten herausbekommen, warum denn die Juden so erfolgreich waren, was ihr Geheimnis sein könnte. Hierfür haben sie eigens in Frankfurt das »Institut zur Erforschung der Judenfrage« gegründet. Ein irrwitziges Konzept! Ernst Grumach hat, wie wenige andere, diese Zeit überlebt, war nach dem Krieg Professor an der Humboldt Universität in Berlin. Er hat die Jahre der wissenschaftlichen Zwangsarbeit dokumentiert. Er wollte, dass sein Bericht gerichtlich verwertet wird und zur Strafverfolgung beiträgt. Ein Motiv, das ich aufgenommen habe.

Wie etwa auch das des Lebenswegs von Otto Warburg, als Chemiker in Berlin erst von den Nazis entlassen, später zurückgeholt und mit einem eigenen geheimen Labor auf Schloss Liebenberg außerhalb Berlins ausgestattet. Plus seinem Privatwagen, mit dem er allerdings das Schlossgelände nicht verlassen durfte. Warburg sollte ein Mittel gegen Gaumenkrebs entwickeln. Natürlich waren all das wenige Einzelfälle, aber sie erzählen noch einmal eine ganz eigene Geschichte über jüdische Existenz im Dritten Reich.


Copyright: Blessing Verlag, 2015

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